Sri Lanka 1999
... Adam's Peak - der heilige Berg ...
           (Thomas Wehrsdorfer und Heiko Otto)
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Die Dämmerung ist schon eine ganze Weile vorüber. Im Scheinwerferkegel unseres Fahrzeuges huschen ungezählte Teepflanzen vorbei. Tee-Pflanzungen bei "Nuwara Eliya" Schon den ganzen Tag befinden wir uns in diesem gewaltigen Teeanbaugebiet im Hochland von Sri Lanka - oder Ceylon, wie die Insel auch genannt wird. Ab und zu wischt der Lichtstrahl über ein paar einzeln stehende schlanke Eukalyptusbäume. Ansonsten nur Tee, Tee und noch mehr Tee. Trotzdem ist diese Landschaft mit ihren Bergen, den plötzlich steil abfallenden Felswänden und einer ganzen Reihe von Wasserfällen keinesfalls langweilig. "Devon-Wasserfall" im Zentralen Bergland von Ceylon Nicht umsonst sind wir den ganzen vergangenen Tag - anstatt uns auszuruhen und Kräfte für das bevorstehende Abenteuer zu sammeln - durch die über 2000 m hoch gelegenen, endlos wirkenden Teeplantagen in der Umgebung von "Nuwara Eliya" gewandert.

Von all dem ist im Dunkel der Nacht natürlich nicht mehr viel zu sehen. Der Kassettenrekorder unseres Fahrers leiert so dahin, und wir - mein Reisegefährte Thomas Wehrsdorfer (kurz Willi genannt) und ich - versuchen etwas vom versäumten Schlaf nachzuholen. Doch schon bald müssen wir einsehen, daß dies bei all den Schlaglöschern auf der schmalen kurvenreichen Straße ein völlig aussichtsloses Unterfangen ist.

Der "Adam's Peak" bei TageslichtPlötzlich meldet sich der ansonsten eher schweigsame Fahrer zu Wort. Er macht uns auf eine dunkle kegelförmige Silhouette am Horizont aufmerksam. Dies sei der "Adam's Peak" - der heilige Berg - unser Ziel. Eine leuchtende Linie - eine die Sterne überstrahlende Lichterkette, die sich im Zickzack zur Spitze des Berges zieht, erregt sofort unsere Aufmerksamkeit. Der Fahrer meint, dies seinen die Lichter der Pilger, die heute zur Vollmondnacht zum heiligen Tempel von "Sri Pada" wollen. Wir sind sprachlos. So viele ? Kaum zu glauben !

Noch knapp 25 Kilometer sind es bis "Maskeliya" - dem kleinen Ort am Fuß des Berges. Blick über das Zentralen Bergland von CeylonTrotzdem uns das Tempo, welches der Fahrer vorlegt, für die Straßenverhältnisse recht kühn erscheint, brauchen wir noch fast eine Stunde bis in das Dorf. Kurz nach Mitternacht erreichen wir das Ziel. Unser Fahrer beginnt uns den Weg zum Berg zu beschreiben, doch das ist völlig überflüssig. Eine dicht an dicht stehende und hell beleuchtete Doppelreihe von Holzbuden säumt den von zahllosen Pilgern begangenen Pfad. Er ist beim besten Willen nicht zu übersehen. Wir sind schockiert. Klar hatte der Reiseführer von zahlreichen Menschen berichtet, die in der Wallfahrtszeit zwischen Januar und März zum heiligen Berg pilgern. Buddhistische Dagoba am Fuß des "Adam's Peak"Mit einem derartigen Andrang hatten wir jedoch nicht gerechnet. Ein Menschenstrom, der weder Anfang noch Ende zu haben scheint, schiebt sich an Buden mit Räucherstäbchen, bunten Buddhafiguren und anderen Reliquien, Eßwaren, Getränken und Süßigkeiten vorbei. Händler preisen lautstark ihre Ware an. Die Inhaber winziger Imbißstände versuchen Passanten mit der Versicherung, weiter oben sei alles viel viel teurer, anzulocken. Wir kaufen eine zusätzliche Flasche Wasser und ordnen uns in den dem Berg zustrebenden Pilgerstrom ein. Hindu-Prozession unweit von "Maskeliya"Willi versucht der skurrilen Situation mit Sarkasmus zu begegnen. Ich beginne zu zweifeln, ob dies alles den gewaltigen Aufwand, den wir hierher zukommen betrieben haben, wert ist. Eigentlich wollte ich jetzt gerade in den bolivianischen Anden unterwegs sein. Aber das so lange geplante Unternehmen scheiterte im letzten Moment wegen mangelnder Beteiligung. Willi hatte sich kurzfristig bereiterklärt, an einer Alternativ-Tour teilzunehmen. Allerdings durfte das Ganze nichts mit Bergsteigen zu tun haben. Und so waren wir letztendlich auf gut Glück nach Sri Lanka geflogen. Zweifellos hat sich die Tour schon jetzt gelohnt, denn zu sehen gibt es auf Ceylon mehr als genug. Aber irgendwie war ich glücklich, im Reiseführer von der Möglichkeit der Besteigung des 2243 m hohen "Adam's Peak" zu lesen. Daß es sich dabei keinesfalls um eine alpine Bergbesteigung handeln würde, war mir von vornherein klar. Der "Heilige Berg" in der Nacht Dafür hatte ich auch gar keine Ausrüstung dabei; mal ganz davon abgesehen, daß ich Willi nie zu einem solchen Unternehmen hätte überreden können. Daß wir nun aber im Menschenstau fast stecken bleiben, das hatte ich einfach nicht erwartet. Doch was soll's. Kosten wir halt mal das Gegenextrem zum einsamen Gipfel aus !

Vorerst führt der bretterbudengesäumte und neonröhrenbeleuchtete, stellenweise sogar grob gepflasterte Weg erst einmal aus dem Ort heraus. An diesem Tor beginnt der Aufstieg zum "Sri Pada" Das Ziel, der dunkle, die Sterne verdeckenden Kegel des "Adam's Peak", liegt direkt vor uns. Die Zickzacklinie der Leuchtstoffröhren zeigt wie ein gigantischer Wegweiser auf den Gipfel. Willi, in Sachen Bergsteigen unerfahren, meint, daß der Weg wohl in einer, maximal zwei Stunden zu schaffen sei. Ich bin skeptisch und tippe auf drei, vielleicht sogar vier Stunden - mögliche Aufenthalte wegen Stau noch nicht berücksichtigt.

Hinter einem riesigen steinernen Tor beginnt der eigentliche Aufstieg. Breite ausgetretene Steinstufen führen zum vorerst nicht allzu steil ansteigenden Fuß des Berges. Pilgerstrom zum Gipfel des "Adam's Peak" Auch hier stehen noch zahlreiche Imbißbuden. Buddhistische Priester predigen und brennen Räucherstäbchen ab. Zahlreiche Bettler hoffen auf die Großzügigkeit der Pilger. Eine hell angestrahlte Dagoba - ein halbkugelförmiger buddhistischer Schrein - lädt zu einer kurzen Verschnaufpause ein. Allmählich wird der Anstieg steiler, die Abstände der Stufen enger. Trotzdem reißt der Strom der Pilger nicht ab. Alt und Jung, Greise und Kinder, Männer und Frauen - alle scheinen magisch vom Gipfel des Berges angezogen zu werden. Nicht wenige von ihnen sind barfuß unterwegs, tragen Opfergaben oder stützen Behinderte. Wir sind mittlerweile eine gute Stunde unterwegs. Aus der anfangs gemütlichen Wanderung ist ein schweißtreibender Anstieg geworden. Trotzdem ist der Gipfel nur unwesentlich näher gerückt. Kaum zu glauben, daß die mitunter uralten Pilger bis hierher gekommen sind, dabei noch singend und betend !Die Glocke von "Sri Pada" auf dem "Heiligen Berg"

Zwei Stunden sind vergangen. Die Stufen sind nun sehr schmal und wirklich steil, stellenweise mehr als kniehoch. Erschöpfte und schlafende Pilger versperren den Weg. Es geht kaum noch vorwärts. Konnten wir im unteren Teil des Anstiegs das Tempo wenigstens stellenweise selber bestimmen, so droht uns nun ein totales Steckenbleiben. Mit Müh' und Not gelingt es uns immer wieder, ein paar Meter zu gewinnen. Imbißbuden gibt es hier keine mehr, und sogar die bisher allgegenwärtige Wegbeleuchtung fehlt auf weiten Abschnitten. Hin und wieder kommen uns kleinere Menschengruppen entgegen, Buddhistische Mönche am Tempel "Sri Pada" die das allgemeine Durcheinander auf dem dunklen und jetzt viel zu schmalen Pfad auf die Spitze treiben. In einer Wegkehre sitzen drei Krüppel - zwei von ihnen haben nur noch ein Bein - und versuchen durch Gesang eine Spende zu erhalten. Das Lied klingt schauerlich, doch die Leistung der drei spindeldürren alten Männer, die bis in diese Höhe vorgedrungen sind, fordert den allerhöchsten Respekt !

Drei Stunden nach unserem Aufbruch liegt der Gipfel greifbar nahe über uns. Wir haben einen Grat erreicht, und der Wind pfeift bitterkalt über den nun nur noch spärlich durch vereinzeltes niedriges Buschwerk geschützten Pfad. Fröstelnd packen wir die vorsorglich mitgenommenen Jacken aus. Eine kurze Rast tut Not. Warten auf den Sonnenaufgang Unter uns zieht sich das lange Lichterband der Leuchtstoffröhren bis tief ins Tal hinab. Ein gleichzeitig fantastisches und unwirklich wirkendes Bild.

Vier Uhr morgens. Fast exakt vier Stunden nach Beginn des Aufstieges erreichen wir das kleine Plateau des Gipfels. Eine nicht zu überschauende Anzahl von Menschen drängt sich bereits auf der das zentrale Heiligtum umgebenden Plattform. Unzählige bunte Wimpel - Zeichen des buddhistischen Glaubens - flattern im Nachtwind. Alle Neuankömmlinge, uns eingeschlossen, streben zuerst zur Westseite der Plattform. Hier befindet sich über einem schmalen Durchgang eine große Glocke, die jeder der den Gipfel erreicht, läuten darf. Morgenrot vom "Adam's Peak" gesehen Jeder Gong steht für eine absolvierte Pilgertour zum "Sri Pada". Nicht selten ertönt die Glocke fünfmal, zehnmal oder noch öfter. Uns steht nur ein einziger Schlag zu. Anschließend müssen die Schuhe ausgezogen werden, denn nun geht es über eine kleine Treppe zum Allerheiligsten: einem gigantischen Fußabdruck - ähnlich unserer Harzer "Roßtrappe" - im Felsgestein. Erstaunlicherweise sind sich die großen Weltreligionen über die Heiligkeit dieses Ortes einig ! Für die Buddhisten ist dies der Fußabdruck Buddhas, der hier ins Nirvana überging. Die Hindus vertreten die Meinung Vishnu hätte hier in grauer Vorzeit getanzt, Pilger bewundern den Sonnenaufgang und Christen wie Moslems sind sich - man glaubt es kaum - einig, daß Adam an dieser Stelle den Fuß auf die Erde gesetzt hat. Ehrfürchtig und stets von streng dreinschauenden Priestern beobachtet, verbeugen sich die Pilger tief vor der durch einen Schrein geschützten Vertiefung, murmeln Gebete und bringen Opfergaben dar. Keiner darf hier länger verweilen, und Fotografieren ist natürlich streng verboten. Anschließend erfolgt ein Rundgang um den Schrein, vorbei an weiteren buddhistischen, hinduistischen oder anderen Kultstätten.

Zwei mit orangen Tüchern bekleidete Mönche laden mich ein, mit ihnen in den Schrein zu kommen - eine außerordentliche Ehre, Abstieg im eisig-kalten Morgenwind denn dieser Bereich ist normalerweise ausschließlich Priestern vorbehalten. Warum ausgerechnet mir diese Ehre zuteil wird, weiß ich nicht, und sonderlich wohl fühle ich mich auch nicht in dieser Situation. Immerhin habe ich nicht die geringste Ahnung, wie ich mich in dem engen Raum direkt vor dem vergoldeten Abdruck verhalten soll. Doch die Mehrzahl der anwesenden Priester ist derart in ihr Gebet vertieft, daß sie mich garnicht wahrzunehmen scheinen. Draußen ziehen die Gläubigen vorbei. Opfergaben - vor allem Geld und Blumen - füllen langsam aber stetig die Mulde im Felsen. Ich schaue eine Weile zu und verdrücke mich dann wieder ins Freie, wo Willi bereits auf mich wartet. Jetzt gilt es, die Zeit bis zum Sonnenaufgang zu überbrücken. Der kegelförmige Schatten des "Adam's Peak" Wie die meisten anderen Besucher des Gipfels suchen auch wir eng an eine Mauer gepreßt vor dem eisigen Wind Schutz und warten, gegen Kälte und Müdigkeit ankämpfend.

Um 655 Uhr wird unsere Geduld dann endlich belohnt. Nach einem grandiosen Morgenrot erscheint der feuerrote Glutball der Sonne über der östlichen Bergkette. Auf den vom Morgennebel umhüllten Bergen im Westen beginnt sich der dreieckige, verblüffend gleichmäßig geformte Schatten des "Adam's Peak" abzuzeichnen. Beglückt und ganz offensichtlich hoch zufrieden beginnen die Meisten der bis jetzt ausharrenden Pilger den langen Abstieg. Wir warten noch eine halbe Stunde, lassen den Großteil der Menschenmassen an uns vorbeiziehen und begeben uns dann ebenfalls auf den 4619 Stufen zählenden Weg zurück ins Tal. Eine weitere herrliche Woche im Paradies liegt vor uns ...

Bericht: Heiko Otto
Januar 1999     

Kommentar
Kambodscha 2000
 

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